Schon eine überraschende Zahl: Studien zeigen, dass in vielen langjährigen Beziehungen die Sexualität nicht eindeutig fortläuft, sondern Phasen mit variierender Lust auftreten. In unserem Gespräch mit der Sexualtherapeutin Dr. Lena Weber geht es darum, was es bedeutet, wenn die Frage "meine frau hat keine lust auf sex" aufkommt – und wie Paare konstruktiv darauf reagieren können.
Ich, als Interviewer, frage nach den Kernursachen. Die Antworten helfen, Liebesleben und Nähe neu zu verstehen, ohne Schuldgefühle oder Schuldzuweisungen zu schüren. Im Zentrum steht die Empfehlung: Offenheit, Geduld und eine klare Perspektive darauf, dass Nähe viele Formen haben kann – auch jenseits von rein körperlicher Penetration.
Unser Ziel ist es, konkrete Schritte zu liefern, die in Alltagssituationen funktionieren. Denn wenn eine Partnerschaft von der Frage geprägt ist, ob der andere sexuell aktiv ist, kann das Spannungen erzeugen. Wir beginnen mit einer kurzen Einordnung, warum Libido-Schwankungen auftreten können.
Ursachen verstehen – wenn die Libido schwankt
Dr. Weber hebt hervor, dass hormonelle Einflüsse, Stress im Beruf, Erschöpfung, gesundheitliche Probleme oder familiäre Belastungen die sexuelle Lust beeinflussen können. Gleichzeitig können Kommunikationsmuster die Wahrnehmung der eigenen Libido verstärken oder abschwächen.
Die Expertin betont: Es geht nicht nur um das «Wie viel» der Sexualität, sondern auch um das «Wie fühlen wir uns dabei»? Wenn die Situation regelmäßig auftritt, lohnt es sich, gemeinsam Ursachen zu identifizieren – statt Schuldzuweisungen zu suchen.
Wie spreche ich sensibel über das Thema?
Eine zentrale Empfehlung lautet: Wähle Worte, die keine Verletzungen verursachen. Der Satz "meine frau hat keine lust auf sex" wird oft als Vorwurf verstanden. Lieber formulierst du deine Gefühle konkret: Welche Situationen lösen Lust aus? Welche Momente erzeugen Unbehagen? Dr. Weber rät, das Gespräch in einer ruhigen Minute zu beginnen, ohne Vorwürfe und mit Blick auf das Gemeinsame.
Im Interview wird deutlich, dass Sprache der Schlüssel ist. Wir üben eine kurze Dialogstruktur: Fragt, hört zu, wiederholt, was verstanden wurde, und benennt gemeinsam eine erste, kleine Veränderung. So entsteht ein Gefühl von Sicherheit und Zusammenarbeit statt von Erwartungsdruck.
Praktische Gesprächsführung
Wortwahl ist wichtig: Nutze Ich-Botschaften, z. B. "Ich merke, dass mich Nähe momentan anders erfüllt" statt "Du machst nie...". Vereinbart feste Zeiten für Gespräche, in denen beide ehrlich berichten, wie sie sich fühlen. Der nächste Schritt ist oft eine gemeinsame Sicht auf Bedürfnisse, statt auf Erwartungen an eine bestimmte Sexpraxis.
Kleine Schritte, große Wirkung – Nähe neu gestalten
Manchmal hilft eine Reduzierung des Leistungsdrucks. Dr. Weber empfiehlt, Nähe wiederentdecken, ohne sofort Sex zu planen. Kuschelzeiten, gemeinsame Entspannungsrituale, Massagen oder sinnliche Nähe ohne Erwartung einer sexuellen Aktivität schaffen Vertrauen und Intimität.
In unserer Praxisbeobachtung hat sich gezeigt, dass regelmäßige Rituale vor dem Einschlafen oder nach dem Abendessen die Verbindung stärken. Wichtig bleibt: Es geht um Qualität der Nähe, nicht um Quantität.
Checkliste für den Alltag
- Offene, nicht wertende Gespräche über Gefühle führen
- Gemeinsam realistische Ziele setzen (während der nächsten zwei Wochen)
- Auf Signale des Körpers achten und zugehörige Bedürfnisse benennen
- Gemeinsam Alternativen zur reinen Sexualität entdecken – Berührung, Nähe, Zärtlichkeit
Was bedeutet das für die Beziehung?
Ein wesentlicher Punkt: Nähe lässt sich auf vielen Ebenen erfahren. Wenn einer der Partner unter einem Libido-Tief leidet, kann das die Beziehung belasten. Die Expertin zeigt: Verantwortung teilen, statt Schuld geben. Ein Paar, das lernt, über Bedürfnisse zu sprechen, entwickelt oft neue Formen der Intimität, die auch dann funktionieren, wenn der Sexzeitplan bricht.
Wir diskutieren auch den Umgang mit äußeren Umständen wie Stress, Schlafmangel oder gesundheitliche Probleme. Es ist legitim, sich professionelle Unterstützung zu suchen – sei es in Form einer Paartherapie, einer Sexualtherapie oder Beratung bei gesundheitlichen Themen. Wichtiger Schritt: Sicherheit geben, dass beide Partner gehört werden.
Langfristige Perspektive
Abschließend betont Dr. Weber, dass eine Beziehung nicht an einem einzelnen Aktivitätslevel festhält. Die Frage "meine frau hat keine lust auf sex" kann zu einer größeren, gemeinschaftlichen Auseinandersetzung führen, die Nähe neu definiert. Wer dranbleibt, merkt oft, dass Vertrauen wächst, wenn man gemeinsam durchs Tief geht – statt es zu umgehen.
Persönliche Meinung: Geduld ist keine Schwäche, sondern eine Ressource. Wer bereit ist, die eigene Komfortzone zu verlassen und neue Wege der Intimität zu erkunden, erlebt oft eine tiefere Verbindung, die auch später wieder eine gesunde Libido unterstützen kann.
Fazit: Nähe ist mehrdimensional. Wenn die Lust nachlässt, bedeutet das nicht das Ende der Beziehung, sondern einen Anstoß, gemeinsam neue Formen der Intimität zu entdecken – jenseits des Drucks auf Sex.