Statistik-Auftakt: Eine aktuelle Studie zeigt, dass rund ein Drittel der Menschen mit vaginalem Sex gelegentlich Schmerzen verspüren. Das erinnert daran, wie individuell dieses Thema ist und wie viel Raum für Verständnis bleibt.
Ich spreche heute mit Dr. Julia Hoffmann, Gynäkologin und Sexualmedizinerin, über das Thema: Wann tut sex nicht mehr weh und was konkret hilft. Die Antworten liefern praktische Hinweise, keine Versprechungen.
Frage: Frau Dr. Hoffmann, warum beginnen Schmerzen oft schon vor dem eigentlichen Akt?
Antwort: Schmerz entsteht häufig, bevor der Sex beginnt, durch Anspannung oder Trockenheit. Wer sich unter Druck setzt oder zu hastig vorgeht, reagiert sensibler. Das gilt ebenso für innere Gründe wie Entzündungen oder hormonelle Schwankungen. Wo Schmerz beginnt, ist der Weg dorthin entscheidend: Ruhig atmen, sanft vorgehen, Zeit geben – das verändert vieles.
Ursachen verstehen
Frage: Welche anatomischen oder gesundheitlichen Gründe sind besonders häufig?
Antwort: Neben Trockenheit kann eine unzureichende Lubrikation zu Reibung führen, die als Schmerz wahrgenommen wird. Auch Muskelverspannungen im Beckenboden oder eine fehlende Erregungskurve spielen eine Rolle. Entzündliche Prozesse, Infektionen oder Hautreizungen dürfen nie ignoriert werden. Eine klare Abgrenzung zwischen vorübergehender Spannung und tieferliegender Erkrankung ist wichtig.
In der Praxis beobachten wir oft folgende Szenarien: Eine Frau bemerkt beim Eindringen ein Brennen, das sich später als intensiver Druck entpuppt; ein Paar merkt, dass langes Vorspiel die Muskulatur entspannt und so der Schmerz abnimmt. All diese Beispiele zeigen: Schmerz ist kein fest vorgegebenes Schicksal, sondern ein Signal des Körpers, das wir hören müssen.
Praktische Wege zur Linderung
Frage: Welche konkreten Schritte helfen, dass sex nicht mehr weh tut?
Antwort: Zunächst gilt: Langsames, achtsames Vorgehen. Einfache Dinge wie längeres Vorspiel, genügend Lubrikation und Positionswechsel können schon viel bewirken. Bei Trockenheit empfiehlt sich ein sanftes Gleitmittel auf Wasser- oder Silikonbasis, je nach Hautverträglichkeit. Wichtig ist, Humoralität – also beiderseitiges Spüren – regelmäßig zu überprüfen und nicht zu vernachlässigen.
Des Weiteren lohnt sich eine Entspannungsphase zwischen den Akten: kurze Pausen, Atmungsübungen, Wärme oder leichte Massage der Schambereiche. Wenn der Beckenboden zu stark spannt, helfen gezielte Beckenboden-Übungen in Absprache mit einer Expertin oder einem Therapeuten. Es geht darum, eine Balance zwischen Spannung und Entspannung herzustellen.
Vor dem Sex
Vor dem Liebesakt hilft eine ehrliche Kontrolle des täglichen Wohlbefindens. Sind Ärger oder Stress vorhanden, blockiert das oft die Erregung und führt zu Trockenheit. Planen Sie daher zeitliche Freiräume, vermeiden Sie Druckmomente und setzen Sie auf mehr Zeit für Berührung ohne Erwartung des Geschlechtsverkehrs.
Eine Checkliste aus der Praxis könnte so aussehen: Langsames, sinnliches Vorspiel, ausreichend Lubrikation, ruhiger Atemrhythmus, und das Einholen von Feedback, wie sich der Partnerin oder dem Partner gerade alles anfühlt – ohne Wertung.
Kommunikation und Sicherheit
Frage: Wie wichtig ist das Gespräch über Grenzen und Bedürfnisse?
Antwort: Kommunikation ist der zentrale Hebel. Ohne Austausch bleibt vieles unausgesprochen, und Missverständnisse fördern Schmerzen. Fragen wie: Fühlt sich das gut an? Ist genug Druck vorhanden? Hört sich das richtig an? helfen, das Tempo zu steuern. Offene Gespräche erhöhen das Vertrauensgefühl und mindern Anspannung.
Wir empfehlen eine respektvolle Sprache, regelmäßige Pausen und das gemeinsame Festlegen von Stoppsignalen. Wer weiß, dass das Nein jederzeit gilt, hat mehr Freiheit, sich zu entspannen – und damit auch die Möglichkeit, dass sex nicht mehr weh tut oder zumindest weniger schmerzhaft wird.
Praktische Szenarien aus dem Alltag
Beispiel A: Ein Paar versucht es ohne ausreichende Lubrikation. Die Frau verspürt Brennen. Sie haben eine Pause gemacht, Lubrikation ergänzt und langsam weitergemacht. Ergebnis: Der Druck nimmt ab, die Erregung bleibt. Beispiel B: Bei wiederkehrenden Beschwerden wird eine gynäkologische Abklärung empfohlen, um Infektionen, Hautreizungen oder hormonelle Ursachen auszuschließen. Das Gespräch mit der Ärztin ist hier ein Schritt, der oft fehlte, aber entscheidend wirkt.
- Dos: Langsames Eindringen, ausreichende Lubrikation, Pausen einplanen
- Don’ts: Druck ausüben, Schmerzen ignorieren, stur durchziehen
Abschluss/Fazit
Ab einem bestimmten Punkt ist klar: Wann tut sex nicht mehr weh, hängt stark von Timing, Technik und Kommunikation ab. Die Antworten aus der Praxis zeigen, dass Schmerz oft reduziert oder vermieden werden kann, wenn beide Partnerinnen und Partner aufmerksam, geduldig und achtsam vorgehen.
Langfristig helfen regelmäßige Check-ins mit dem Partner oder der Partnerin, eine ärztliche Abklärung bei wiederkehrenden Beschwerden und das Ausprobieren individueller Strategien. Wenn Schmerzen bestehen bleiben, ist es sinnvoll, medizinisch nachzufragen, um die richtige Ursache zu klären. Denn erotisches Erleben kann befriedigend und schmerzfrei sein – Schritt für Schritt.